Selbstverletzungen (Triggerwarnung!)

Einatmen. Ausatmen. Puh. Das ist nicht ganz so einfach wie ich dachte. Ihr müsst wissen, wenn ich einmal entschieden habe etwas zu schreiben, dann tue ich es auch. Und ich habe mich entschieden. Um ehrlich zu sein, ist das nicht der erste Versuch, es gibt schon unzählige Texte zu diesem Thema auf meinem PC aber bisher fehlte mir irgendwie der Mut. Doch vor kurzem sagte jemand zu mir, dass er es gut fände, dass ich auch über sehr persönliche Dinge schreibe, und dann habe ich einen Beitrag zum selben Thema auf einem Blog (klick) gelesen, und beschlossen, dass es jetzt Zeit dafür ist.


Selfharm Art
Ich bin 13 Jahre alt. Meine große Leidenschaft gilt den Büchern. Besonders angetan haben es mir Erfahrungsberichte. Ich beschäftige mich mit Essstörungen, Drogenmissbrauch, Obdachlosigkeit, HIV, jugendlichen Kriminellen....und Selbstverletzung. Besonders Selbstverletzungen faszinieren mich. ''Cut'' von Patricia McCormick, ''Schnittstellen'' von Anja & Meike Abens, ''Rote Linien'' von Brigitte Blobel.  Ich kann diese Menschen einfach nicht verstehen. Warum fügen sie sich selbst Schmerzen zu? In dem einen Buch ist die Protagonistin in einer Klinik um von ihrem selbstverletzenden Verhalten weg zu kommen. Sie findet unter einem Tisch einen losen Metallstreifen und nimmt ihn mit um etwas zu haben, mit dem sie sich verletzen kann. Es ist mir so unverständlich, warum sie das tut. Will sie denn gar nicht aufhören? Und warum nicht?
Irgendwann ist die Neugier zu groß. Ich nehme eine Rasierklinge, so eine alte, einzelne und versuche mir damit in den Arm zu schneiden. Es funktioniert nicht. Man sieht eine leichte Linie, aber die Haut wurde nicht durchgeschnitten. Mir ist übel. Ich finde es einfach nur ekelhaft. Wie zur Hölle kann man sich das freiwillig antun? Es fühlt sich nicht gut an, ich kann noch nicht einmal richtig schneiden, weil sich einfach alles in mir dagegen wehrt. Ich bin ein bisschen enttäuscht, ich dachte ich könne auf diese Weise nachvollziehen, wie es den Protagonisten in meinen Büchern geht.
Ich bin  14 Jahre alt. Und zwei Freundinnen stehen vor der Tür. Es regnet in Strömen und es ist ein Dienstag. Ich will sie gerade hereinbitten als meine Mama von der Arbeit kommt. Sie sagt Nein. Nein, weil es nicht abgesprochen war, Nein weil es unter der Woche ist und am nächsten Tag Schule ist, Nein weil es schon halb 6 ist. Ich bin sauer, aber ich weiß, dass ich nichts dagegen tun kann. Die Mädchen gehen, komplett durchnässt, und ich schaue ihnen nicht nach, sondern knalle die Haustür zu, renne in mein Zimmer, greife nach der Klinge in der Schublade und schneide.. auf der Oberseite meines rechten Armes. Ich bin wütend und enttäuscht. Ich musste meine Freunde im Regen stehen lassen, ich habe nichts zu sagen, sondern muss meinen Eltern gehorchen, ich bin so eingesperrt, so mies, weil ich es nicht schaffe mich dagegen zu wehren. Das Schneiden fühlt sich wie ein Triumph an, über meine Eltern, es ist etwas über das ich allein die Kontrolle habe. Es blutet ein bisschen, und das macht mir plötzlich Angst. Der Moment ist vorbei, ich renne ins Bad, mit einem langärmligen Pulli im Arm, tupfe die Schnitte mit Toilettenpapier ab, ziehe den Pulli an und gehe bester Laune hinunter zu meiner Mama. Ich glaube ich verstehe die Leute in den Büchern jetzt. Doch in der Schule fragt mich eine Freundin was passiert ist, und die Situation ist mir so unangenehm, dass ich mir schwöre 'es bleibt bei diesem einen Mal'.
Ich  15 Jahre alt. Es hat sich herausgestellt, dass es nicht nur bei einem Mal bleibt, aber ich habe gelernt die Wunden zu verstecken. Ich liebe Armstulpen und lange Hosen, weil es gut zu meinem restlichen Kleidungsstil passt stellt niemand Fragen.
Ein Freund verletzt eine Feundin, meine Schuld, ich hab sie zusammen gebracht. Cut. Ich habe eine schlechte Note und meine Eltern meckern, ich bin so eine Versagerin. Cut. Ich kann überhaupt nichts. Cut. Ich habe Streit mit einem Freund. Cut. Ich konnte eine Freundin nicht davon abhalten sich zu verletzen. Cut. Ich kämpfe dagegen an. Ich will damit aufhören, weil ich Angst habe entdeckt zu werden, doch immer häufiger sitze ich im Bad auf dem Boden und merke erst was ich tat, wenn sich diese Stille in mir ausbreitet. Am nächsten Tag tut es dann weh. Doch ich verberge es so gut ich kann.
Ich bin 16 Jahre alt. Seit kurzem habe ich meinen ersten festen Freund, doch ich fühle mich zerrissen. Ich habe das Gefühl ich gehöre nicht in diese Beziehung, ich mache alles falsch. Cut. Vor ihm kann ich es nicht verbergen. Er ist zu jung, weiß nicht wie er damit umgehen soll und trennt sich mit den Worten 'such dir professionelle Hilfe, du bist krank'. Ich verletze mich nur noch einmal, dann bin ich auf Klassenfahrt und verkrieche mich in meinem Inneren. Es gibt eine Pause von 2 Monaten, dann versuche ich mir nach einer schrecklichen Nacht auf dem Stadtfest betrunken mit einer Schere die Pulsadern zu öffnen, doch ich weiß nicht wie. Ich weiß nur, dass ich nicht mehr leben möchte.
Ich versuche die pulsierenden Stellen am Handgelenk zu treffen, doch es klappt nicht so richtig.
 Irgendwann beschließe ich, dass ich zu müde bin, und gehe ins Bett.
Danach habe ich eine Weile kein Bedürfnis mehr mich zu verletzen und als es langsam zurück kommt
 rufe ich mehr oder weniger gezwungener Maßen bei einem Psychologen an und erzähle, dass ich mit den Selbstverletzungen aufhören will. Sobald ich einen Therapieplatz habe schneide ich mich mehr als je zuvor.
Ich bin 17 Jahre alt. Habe ich vorher versucht mich selbst vom schneiden abzuhalten, sehe ich nun keinen Grund mehr. Das Wissen, eine Therapeutin zu haben, gibt mir das Gefühl, ich müsse mich selbst nicht mehr bremsen, schließlich ist das in meinen Augen ja ihr Job. Die Angst meine Eltern könnten etwas bemerken und sich Sorgen machen ist weg, die Hemmungen somit auch. Ich bin ja in Therapie, alles ist gut. Habe ich mich zuvor vielleicht einmal im Monat verletzt, sind es nun mehrere Male in der Woche. Über die offenen Wunden kippe ich Nagellackentferner, damit es weh tut.
Meine Therapeutin redet mir gut zu, Rückfälle sind okay. Die leichten Schnitte, von denen man schon nach einigen Wochen oder Monaten überhaupt nichts mehr sieht werden zu solchen, die Narben hinterlassen. Einmal eskaliert die Situation, weil ich nicht genug spüre und ich schneide einmal entlang der gesamten länge meiner Wade. Im Sportkurs werde ich nun gefragt was passiert ist, ich sage ich sei beim basteln auf dem Fußboden im Schneidersitz mit dem Bastelmesser abgerutscht. Niemand zweifelt die Geschichte an, ich bin ja ein ganz normales Mädchen.
Irgendwann  im Juni trägt die Therapie Früchte und ich höre auf. Es gibt einen kurzen Rückfall im September, doch das war es dann. Im Dezember beschließe ich erneut sterben zu wollen, und meine Therapeutin spricht zum ersten Mal von Psychiatrie und Antidepressiva. Statt nur Mittwoch, möchte sie mich nun auch Freitag sehen. Ich schreibe meine Gedanken auf und am Freitag geht es mir schon wieder besser. Ich will nicht in die Psychiatrie, und sie zwingt mich auch nicht.
Ich bin 18 Jahre alt. Die Abiturprüfungen sind anstregend, es geht mir mies und ich habe das Gefühl nichts auf die Reihe zu bekommen. Die Therapie bringt keine neuen Erkenntnisse und ich gehe seltener hin. Irgendwann ist sie vorbei. Doch ich verletze mich nicht. Ein ganzes Jahr schaffe ich es allein und ohne Rückfall.
Ich bin 19 Jahre alt. Mir geht es gesundheitlich furchtbar, ich verliebe mich und er spielt mit mir. ich beginne wieder mich zu schneiden und ich entdecke, wie sehr ich blaue Flecken mag. Sie erscheinen mir leichter zu erklären und irgendwie harmloser. Ich ziehe in eine eigene Wohnung, und weil niemand auf mich achtet, brauche ich mich auch nicht sorgen, jemand könnte etwas merken. Ich schneide nicht mehr wie früher an den Beinen sondern wieder wie ganz zu Beginn an den Armen, weil es niemand mehr sieht. Jedoch ist es nicht mehr weil ich dem Druck nicht standhalte oder das Gefühl habe zu versagen, sondern um mit körperlichen Schmerzen und Stress umzugehen.
 Ich ändere meine Sichtweise auf Selbstverletzungen, beschäftige mich mit der Physiologie. Beim Schneiden wird Dopamin ausgeschüttet, welches dafür sorgt, dass Schmerzen nicht mehr wahrgenommen werden. Sowohl körperliche Schmerzen (Bauchschmerzen zum Beispiel) als auch seelische Schmerzen. Das Schneiden hat eine ähnliche Wirkung wie Heroin ( nur ohne Nebenwirkungen) und macht dementsprechend auch genauso körperlich abhängig. Außerdem gewöhnt man sich irgendwann daran und braucht höhere Dosen, das heißt in dem Fall tiefer oder öfter schneiden.
Ich stelle fest, dass jeder Mensch sich auf die eine oder andere Art selbst verletzt und denke viel darüber nach, dass es Methoden gibt die von der Gesellschaft akzeptiert werden (Gegen Wände schlagen, Schorf abreißen, tätowieren & piercen (lassen), bis zur Kraftlosigkeit auspowern beim Sport), während man bei anderen in die Psychiatrie gesperrt wird (schneiden, verbrennen, ect.). Ich denke über Alkohol-, Nikotin- und Zuckerkonsum nach, der zwar keine unmittelbare Schädigung zeigt, aber trotzdem in den Dopaminhaushalt eingreift, süchtig macht und Schäden anrichtet.
Wo liegt der Unterschied zwischen dem Griff zu einer Klinge, zugunsten des Wohlbefindens, und dem Griff zur Flasche Alkohol? Beim Schneiden entstehen vielleicht äußerliche Wunden, jedoch heilen diese auch wieder. Auf lange Sicht hat derjenige der sich schneidet ein paar, oder auch mehr Narben überall auf dem Körper verteilt. Und derjenige der Alkohol konsumiert? Der darf mit Leberschäden, erhöhtem Krebsrisiko, Herz- & Verdauungsproblemen und noch vielem mehr rechnen.
Ich trinke weder Alkohol, noch rauche ich. Ich trinke keinen Kaffee, aber ich schneide mich. Seit ich weiß, dass das Risiko tatsächlich an so einem Schnitt zu sterben gering ist, mache ich mir auch weniger Sorgen.
Ich schneide niemals so tief, dass es genäht werden muss. Ich bilde mir ein diese Sucht halbwegs unter Kontrolle zu haben.
Heute bin ich 20 Jahre alt. Das letzte Mal, dass ich mich verletzt habe ist ein Jahr her. Es gibt Phasen in denen es mir nicht so gut geht und ich darüber nachdenke mich zu schneiden, doch es ist nie so dringend, dass ich die Narben in Kauf nehmen will. Ich schäme mich nicht dafür, dass ich zu den Menschen gehöre die sich selbst verletzen. (Ich spreche nicht in der Vergangenheitsform, weil ich weiß, dass ich immer wieder Rückfälle haben werde.)
Ich habe meinen Frieden mit dem Schneiden gefunden, aber ich rate jedem Menschen davon ab damit anzufangen. Der Versuch sich mit Verletzungen zu heilen kann nicht gut gehen. Ich denke das ist offensichtlich. Sucht ist nie etwas gutes.


PS: Wenn jemand von 'Ritzen' spricht fühle ich mich persönlich angegriffen. Ritzen, das ist für mich etwas mit dem ein Mensch Aufmerksamkeit auf sich ziehen will. Egal ob oberflächliche Kratzer, oder tiefe Schnittwunden. Ritzen ist ein Modetrend, eine Mutprobe, ein Schrei nach Hilfe. Schneiden ist etwas persönliches, emotionales. Und ja, die Grenzen sind fließend, aber ich habe mich nie (Edit: oder nur sehr selten) geritzt.


Kommentare:

  1. ich finde deinen text mutig und gut. danke für deine offenheit.

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  2. Ich finde es gut, dass du darüber schreibst, das kann dir helfen weiterhin stark zu bleiben. Trotz allem denke ich, dass auch du dich zwischenzeitlich geritzt hast. Denn auch dein schneiden war ein Schrei um Hilfe, eine gewisse Art und Weise Aufmerksamkeit zu wollen. Kein "Schau ich bin besonders, weil ich ritze", sondern eher ein "Mir gehts nichts gut, ich bekomme meine Probleme nicht in den Griff, hilf mir."
    Jedenfalls ist das meine Meinung.
    Vielleicht warst du nicht durchgängig "Ritzer", aber du kannst nicht sagen, dass du es nie getan hast, weil auch du in gewisser Weise Aufmerksamkeit von bestimmten Personen gewollt hast.

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