Kind oder Mensch?



Weißt du wie es ist von allen Seiten nur zu hören, was für ein Loser du bist? Es ist seit Jahren immer das gleiche, und ich schätze damit bin ich nicht allein. Du musst gute Noten schreiben, wenn du schlechter bist als 3 gibt es Strafen. 'du bekommst Geld für jede gute Note auf deinem Zeugnis, aber wenn du eine 4 bekommst, musst du 25% zurückgeben, bei einer 5 50% und bei einer 6 alles.'. Nicht, dass ich in der Grundschule Gefahr gelaufen wäre, dass es jemals dazu kommt, aber es war halt ein Ansporn.
Wisst ihr noch, schlechte Noten mussten von den Eltern unterschrieben werden, und bei jeder vier kam dieser Blick, und das Gespräch. Wie konnte das passieren? Hast du nicht genug gelernt, hast du dich nicht genug angestrengt. Ich bin mir sicher das war gut gemeint, aber ich hatte immer das Gefühl ein kompletter Versager zu sein, dabei war ich nicht schlecht in der Schule, ich war gutes Mittelfeld. Ich wollte immer weg, hab mich so unter Druck gesetzt gefühlt von dieser engstirnigen und spießigen Kleinstadt, ich hab davon geträumt in einer Großstadt zu leben, umgeben von all diesen Aufregenden Abenteuern. 

'Fernweh ohne Grenzen' nannte ich damals (05.02.2014) den Beitrag in dem ich mich mal wieder auskotzte: 
 Ich sage immer es gibt nichts was ich hasse. Aber das stimmt nicht. Ich hasse meine Heimatstadt.
Und zwar wirklich. Früher fand ich es immer schön, aber jetzt...? Ich hasse dieses Beengte. Kleinstadt - zum kotzen.! Bevor man das Haus betritt wissen schon alle bescheid, heut hast du das gemacht und mit dem gesprochen. Mittelfinger. Ihr wisst alles, und doch wisst ihr nichts. Ich hasse es, dass jeder jeden kennt. Zu viele Verbindungen. Mein Vater sagt immer, dass das doch das schöne ist. Was ist daran schön? Exfreund 1 - stellt den Ton, Exfreund 2, macht die Fotos für die gleiche Band. Verpisst euch alle. Ich will nur weg. Kann nicht mehr. Lebe nur mit dem Ausblick auf den Umzug. Würd am liebsten Tage zählen. Doch das deprimiert, sind immer noch viel zu viele. Ich mein was soll das ? Wie soll man leben, wenn alle immer sofort ihre kleine beschränkte Meinung dazu äußern. Hier sind doch alle gleich. Gleich dumm, gleich beschränkt. Denn wenn sie es nicht wären, wären sie längst weg.Alle sagen wenn ich weg bin werd ich mich zurück sehnen, aber was sollte ich von hier vermissen?
Die Langeweile? Die Spießigkeit? Wohl kaum. Ich warte auf den Abend an dem ich Zuhause sitze, weil ich mich nicht entscheiden kann, welcher der Clubs wohl heut der beste ist. Hier bleibt keine Alternative. Ein kleiner Club. Immer die gleichen Menschen und das wars.  Zuhause ist auch ein tolles Wort. Das gibts schon lange nicht mehr. Das letzte mal dass ich mich Zuhause gefühlt habe, ist schon ne ganze Weile her, und war sicher nicht hier. Ich will Freiheit. ich will das Leben, nicht diesen kleinen Ausschnitt sondern ich will nach 2 Jahren neue Menschen kennenlernen, die ich im Flur vor meiner Wohnung treffe. Die schon genauso lang dort wohnen und die ich doch nie gesehen habe. Ich will Punks kennenlernen, und Musiker, Künstler, Verrückte Menschen, und Menschen die sind wie ich. Menschen denen es egal ist was andere denken. Ich will die Anonymität einer Großstadt. Ich will nicht verurteilt werden wegen meiner Art mich zu kleiden. Nicht wegen meines Verhaltens. Ich will ein Individuum in einer riesen Masse von eigenständigen Individuen sein. Will nicht angestarrt werden. Ich will Ignoranz, anstelle von geschockten Blicken. Ich will mich endlich zuhause fühlen. Will ankommen. Will nicht mehr Verbindungen finden und Soziogramme zeichnen. Will nicht ehemalige Freunde vorbeilaufen sehen. Ohne einen Blick. Will auch nicht ständig Menschen sehen die ich liebe und die mit anderen ihr Glück teilen. Will endlich nicht mehr Lügen. Will mich kleiden wie ich will. Will ich zu viel?
Nein. Denn meine Ausflüge nach Berlin gleichen einer Reise in meine Traumwelt. Das ist das Leben, welches ich vermisse. Ich brauch nichts außer die Großstadt. Und es rückt immer näher.
In Anbetracht dieses Ereignisses, fällt der Abschied von meinen Freunden gleich viel weniger schwer.
Noch ein Paar Monate, dann ist es endlich soweit. Endlich weg. Und dann werde ich endlich vergessen,
denn was zählt dieses Kleinkarierte hier, wenn die große Welt wartet.
Hier wird mich kaum einer vermissen. Die Guten werden mit mir gehen, und was ich zurücklasse
ist keine Träne Wert.


Und jetzt sitz ich wieder hier, in dem gleichen Raum indem ich diese Zeilen damals schrieb und was hat sich verändert? So vieles und doch Nichts. Ich fühle mich wieder wie dieses Mädchen das den Beitrag schrieb.
Damals war mir nicht klar, wie sehr alles vom Geld abhängt. Dass sein eigenes Ding durchziehen zwar das Beste ist, was man für sich selbst tun kann, es aber nicht von einem Tag auf den anderen klappt. Und jetzt sitz ich hier, und auch wenn es nur eine Übergangslösung ist, merke ich wie ich von Tag zu Tag mehr darunter leide, und wieder weg will. 
Wenn mein Dad mir einen neuen Tisch baut, weil mein alter zu klein geworden ist, frage ich mich ob ich sagen sollte, dass es eh nicht für lange ist, dass er sich nicht solche Mühe geben braucht, weil ich nicht vorhabe noch lange hier zu sein. Ich mache Pläne, überlege wo ich sie am besten umsetzen kann, und auch wenn momentan noch abhängig bin, von dem Geld, und den aufgegebenen Träumen meiner Eltern, denke ich immer öfter daran wieder weg zu sein.

Wenn ich das da oben lese frage ich mich ob ich zu schnell wieder hierher zurückgekommen bin. Ich meine.. es war schrecklich, aber vielleicht war das wie bei den  Phasen der Trauer .. vielleicht hätte ich einfach weiter kämpfen sollen, statt zurück zu gehen. Ich weiß es nicht, und ich werde es auch nicht mehr erfahren, aber beim nächsten Versuch werde ich anders handeln. Da bin ich mir sicher.

Knapp 6 Monate sitze ich hier bei meinen Eltern und versuche mein eigenes Ding zu machen, doch ich merke, dass je mehr ich voran komme, desto mehr stört mich die Anwesenheit der Menschen die es überhaupt möglich machen. Ich beginne mich wieder eingesperrt zu fühlen. Fragt euer Teenie-ich, es wird sich garantiert daran erinnern ( 'ich bin doch nicht euer Sklave!!!')
Gut gemeinte Ratschläge, von Eltern, Großeltern, Verwandten, Bekannten, und ja tatsächlich sogar von den Bekannten einiger Bekannten.. oder Arbeitskollegen von meinen Eltern oder....
Mach ne Ausbildung, oder such dir erstmal so einen Job, mach dies, mach das, mach doch mal mehr Sport, 'ich war den ganzen Tag arbeiten und muss jetzt noch kochen??' ... ich sage dann nicht, dass ich auch arbeite, und dass es ja deren Entscheidung ist jeden Tag zur Arbeit zu gehen, schließlich bin ich momentan abhängig von diesen Menschen.. ich lebe nur hier, weil sie eben nicht ihren Träumen folgen. Oft werde ich gefragt ob es nicht seltsam für mich sei, so von meinen Eltern abhängig zu sein, so zu schmarotzern, ihnen auf der Tasche zu liegen.. manchmal denke ich dann 'warum, sie haben mich doch in die Welt gesetzt' und in anderen Momenten fühle ich mich schlecht, weil ich weiß, dass sie ein ganz anderes Leben haben könnten wenn ich nicht wäre. Aber muss ich mir das vorwerfen lassen? Es war nicht meine Entscheidung ein Lebewesen in die Welt zu setzen (mich), ich kann nichts für irgendwelche zerstörten Träume und 'deine Eltern haben so viel für dich geopfert' ist zwar die Wahrheit, aber muss ich mich dafür schuldig fühlen?
Oft wenn ich so etwas denke oder sage, oder jetzt auch schreibe habe ich ein schlechtes Gewissen, denn ja, meine Eltern (und auch Großeltern, und noch viele mehr) haben wirklich UNGLAUBLICH viel für mich getan und ich bin dankbar dafür, keine Frage!
Aber hat ein Kind eine Verantwortung gegenüber seinen Eltern?
Ohne sie gäbe es mich nicht, heißt das ich gehöre ihnen? Dass ich alles tun muss was sie sagen, weil es mich ohne sie ja gar nicht gäbe?
Oder bin ich ein Wesen, das selbst denkt, eigene Entscheidungen trifft und handelt?
Bin ich ein Kind oder ein Mensch?
Zurück zu der Frage ob ich mich nicht seltsam fühle meine Eltern so 'auszunutzen'... Ja, aber nicht wegen des Ausnutzens an sich, sondern weil ich es traurig finde dass das nur möglich ist, weil sie sich für dieses mehr oder weniger 0815 Leben entschieden haben.
Ich sage und denke oft was für ein großes Glück ich mit meinen Eltern habe. Und gleichzeitig fühlt es sich an, als ob mein Glück ihr Unglück ist.  Ich bin so unglaublich froh, dass ich ein Wunschkind war.

Als ich hierher zurück kam, dachte ich noch es wäre nicht wichtig, dass ich bei meinen Eltern lebe. Ich habe sie nicht als meine Eltern gesehen, sondern einfach als Menschen, habe gedacht es wäre wie eine WG, einfach Menschen die zusammen leben, unabhängig von dem Verwandtschaftsverhältnis. Nach 6 Monaten weiß ich, dass das nicht klappt. Anfangs fühlte es sich so an, aber mittlerweile, werd ich immer mehr zum Kind und deswegen muss ich auch wieder gehen. (nicht nur, dass mir immer öfter gesagt wird was ich tun und lassen soll, sondern ich werde auch wieder trotzig und fühle mich total machtlos)
 Ich weiß nicht wie bald, aber ich werde anfangen mich umzuschauen. Nach Wohnungen, Orten, und so weiter. Ich denke es wird Zeit, weiter zu ziehen.




1 Kommentar:

  1. Diese Gedankengänge kenne ich nur zu gut liebe Jane ;-) deine Eltern wissen es nicht besser. Mittlerweile bin ich bei der Denkweise angekommen, meinen Eltern nichts vorzuwerfen. Du musst bedenken, dass deine Eltern aus einer Generation kommen, in der ganz andere Werte im Leben zählen. Ein solides gesellschaftlich anerkanntes Fundament mit Job, viel Geld und anderen Dingen, die für viele Menschen aus meiner und deiner Generation nicht mehr so viel Anklang finden. Für uns steht unsere Entwicklung als Individum im Vordergrund und wir verstehen, dass Glück nicht an materielle Dinge oder gesellschaftliche Anerkennung geknüpft ist. Der Horizont deiner Eltern ist schlicht und ergreifend nicht annäherend so weit wie deiner, da du in einer ganz anderen Zeit aufwächst. Versuche es ihnen nicht vorzuwerfen und schluck es runter :-) Ich weiß das ist schwer. Aber vielleicht kannst du so etwas anderes über die Sache denken. Bleib dabei mach dein Ding, aber bleib nicht stehen. Den Fehler hab ich zu lange gemacht und mich in den negativen Gedanken über meine Umgebung verstrickt. Ganz liebe Grüße, toller Blog!
    Andi

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