Vergessen



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Alles ist vergänglich. Es ist eine absolute Illusion zu glauben, wenn man einen Menschen liebt, dass es für immer so sein wird. Natürlich, irgendwo bleibt der Mensch Teil seiner eigenen Biografie, aber was bedeutet das schon? Manchmal hat man nur ein paar Tage mit jemandem, und dann entwickelt sich alles wieder auseinander. In rasender Geschwindigkeit. Und ein paar Monate später kann man sich nicht mehr vorstellen, dass da jemals etwas gewesen sein soll. jedenfalls nichts so bedeutungsvolles, wie es einem damals vorkam. Alles ist so flüchtig heut. Was heute Realität ist, kommt einem morgen schon vor wie ein Traum. Und was man heut für einen Traum hält, ist morgen schon eine verblasste Erinnerung. Wie sollten wir auch die gemeinsamen 100 Tage in Relation zu den 60 Jahren die wir mit anderen Menschen verbringen in unserem Gedächtnis behalten? So wie wir uns nicht mehr an unsere ersten Schritte erinnern, so werden auch heimliche Küsse auf dem Bahnsteig in Vergessenheit geraten. Gewechselte Blicke werden irgendwann in einem Meer von Erinnerungen ertrinken. Einfach verschwimmen wie Tinte auf dem Papier, wenn die Tränen beginnen zu fallen. Nicht ist für die Ewigkeit, schon gar keine Gefühle. Und wie naiv ist es zu glauben, das was wir jetzt nach einem Fünftel  unseres Lebens haben, würde für immer bleiben und wichtig sein? Wir wissen kaum noch, was vor 10 Jahren war, wie sollten wir uns nach 30 Jahren an so etwas banales wie ein Gespräch, ein Treffen, eine Geste erinnern? Natürlich, wir halten alles fest. Wir bloggen, schreiben Tagebuch oder halten alles mögliche in Fotos fest. Facebook und Co bewahren unsere Erinnerungen. Aber trotzdem wird nur ein Bruchteil dessen, was wir für wichtig halten, einen Weg in die Tiefen unseres Gehirns finden. Wir werden uns in ein paar Jahren nur noch an die großen Ereignisse erinnern, die kleinen Momente werden verschwinden. Und wenn unsere Kinder uns später fragen, wie das damals war, werden wir mit schrecken feststellen, dass wir uns nicht mehr erinnern können. Dass wir keine Namen mehr wissen, nicht wissen was die Leute so in ihrem Leben erreicht haben, von denen wir früher dachten wir hätten eine lebenslange Freundschaft vor uns. Vielleicht gehen wir zu Klassentreffen, oder begegnen dem einen oder anderen zufällig auf der Straße. Vielleicht werden einige der Menschen auch berühmt und wir sehen sie irgendwann im TV. Aber sie werden längst vergessen haben, dass wir mit 14 im selben Englischkurs saßen. Viele Erinnerungen kann man sicher wieder hervorkramen, wenn man dazu gezwungen wird, aber genauso viele werden für immer verschollen bleiben. Ich finde es beängstigend, dass nichts von so großer Bedeutung ist, dass es bleibt. Ich finde es traurig, wenn ich meine Eltern etwas frage und sie antworten 'daran kann ich mich nicht mehr erinnern', weil ich denke, dass es schade ist, wenn Dinge einfach so verschwinden. Mein Vater sagt dann immer 'das ist doch Vergangenheit, es hat für heute keine Bedeutung', aber wie kann etwas Bedeutungslos werden, was ihm damals doch alles bedeutet hat.
Andererseits kann es auch eine Chance sein. Wenn wir eh vergessen, was spricht dagegen alles auszuprobieren? Dinge die uns verletzen, und die uns glücklich machen. Vielleicht ist der Sinn des Lebens Momente zu schaffen die für immer bleiben. Zumindest bis zu unserem Tod. Vielleicht ist das Vergessen notwendig, um uns zu zeigen welche Momente WIRKLICH wichtig für uns waren. Denn wenn etwas so prägend ist, dann vergessen wir auch nicht. Vielleicht kommt es gar nicht auf die kleinen Details an, sondern nur auf das große, ganze Leben. Auf die Ereignisse die uns verändern. Denn an die werden wir uns doch erinnern, oder nicht?
Vielleicht ist es mit den Erinnerungen wie mit Kassenbons. Was darauf steht verblasst auch mit der Zeit bis zur Unkenntlichkeit, aber die Dinge die wir gekauft haben, bleiben, wenn sie uns nur wichtig genug sind. Auch ohne dass wir den Kassenzettel haben, existieren die Dinge weiter. Und wir allein entscheiden darüber ob in unserer Gegenwart oder nicht. Vielleicht kommt es nicht darauf an wen wir mit 16 geküsst haben, sondern darauf wer JETZT da ist. Vielleicht brauchen wir keine Erinnerungen um zu überleben oder glücklich zu sein. Vielleicht vergessen wir, weil es wirklich nur um die Gegenwart geht. Vielleicht ist es egal wer kommt und geht, und nur die zählen die bleiben. Vielleicht geht es wirklich darum in der Gegenwart zu leben, egal was war und egal was wird.

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