Blumen schlafen nie. [Teil1]

'Lily - das ist abgeleitet von Lilie', hatte ihre Mum damals immer gesagt, während sie sanft über ihren Kopf strich. 'Lilien waren immer schon meine Lieblingsblumen'. Ein zartes Lächeln breitete sich dann auf ihrem Gesicht aus, wenn der Schlaf die Überhand gewann und sie ruhig in das Land der Träume übergleiten ließ. Doch jetzt war an schlafen nicht zu denken.  Leise schlich Lily durch ihr Zimmer. Eine Socke hier, einen Pullover dort. Hastig stopfte sie die Sachen in den dunkelgrauen Rucksack. Der war von Matt. Matt... Nein an ihn wollte sie jetzt nicht denken. Akkus für ihren Walkman, die Kreide, ihr Nähzeug. Mist, sie hätte vorher eine Liste machen sollen, aber daran hatte sie natürlich nicht gedacht. Mit der Taschenlampe leuchtete sie in ihren Kleiderschrank. 'Da hinten ist sie ja.' Vorsichtig nahm sie die blaue Kiste heraus.' Ohne die konnte sie nirgendwohin. Sie nahm noch einen Beutel. Mehr konnte sie wirklich nicht mitnehmen. Eine Decke, ein Kissen. Mit Schrecken fiel ihr ein, dass sie ihr Portmonnaie in ihrer Schultasche vergessen hatte. Die stand natürlich unten im Flur. Damit war der Plan sich über das Dach der Veranda wegzuschleichen schon mal im Eimer. Dass sie aber auch immer so leicht ablenkbar war. Ein letzter Blick durch den Raum. Schnell warf sie noch eine Flasche Wasser in den Beutel. Die würde sie sicher brauchen. Rucksack und Beutel flogen aus dem Fenster und kamen mit einem dumpfen Poltern auf dem Rasen im Garten auf. Das war der Karton. Hoffentlich war noch alles ganz. Zuletzt warf sie die  Taschenlampe hinterher, nachdem sie sich den Weg zur Zimmertür eingeprägt hatte. Dann kippte sie leise das Fenster an. Wie jede Nacht. Niemand von den Nachbarn würde morgens Verdacht schöpfen, nur für den Fall, dass die nette ältere Frau von nebenan wieder einmal genau beobachtet hatte. Sie rutschte im Flur kurzerhand das Geländer herunter. Ihre Eltern würden erst in einer Stunde nachhause kommen, und ihr Bruder schlief für gewöhnlich wie ein Stein. Und selbst wenn er aufwachen würde, zum aufstehen bewegte ihn nicht mal ein vermeidlicher Einbrecher. In ihrem Zimmer war sie noch vorsichtig gewesen, weil das Haus so hellhörig war und weil Tommy immer direkt an der angrenzenden Wand schlief. Jetzt hatte sie es fast geschafft. Schnell schnappte sie sich die Schultasche, und fand nach einigem wühlen ihr Geld. Problem gelöst. Kurz dachte sie darüber nach doch den Weg aus dem Fenster zu wählen, da sie eigentlich keinen Schlüssel mitnehmen wollte, aber die Tür beim zuziehen doch ein wenig zu laut wäre. Ach eigentlich war es auch egal. Sie fragte sich schon wieder wofür sie das alles eigentlich machte, es war doch egal ob jemand etwas mitbekam. Sie flüsterte 'bye bye' in das totenstille, leere Haus, dann drehte sie sich um und öffnete die Haustür, steckte den Schlüssel, den sie nun doch dabei hatte von außen ins Schloss, drehte ihn und drückte die Tür nahezu geräuschlos zu. Als sie den Schlüssel zurückschnappen lies ertönte ein leises klicken. Geschafft. Sie zog den Schlüssel aus der Tür und steckte ihn in die Seite ihrer blauen Chucks. 'Na dann mal los'  

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